Sinn und Unsinn von energetischen Modernisierungen

Mal ehrlich, können Sie die permanenten Diskussionen über Sinn und Unsinn von energetischen Modernisierungen im Sinne des Klimaschutzes noch hören? Richtig ist, wir brauchen intakte Immobilien mit einer möglichst guten Energiebilanz. Doch nicht jede energetische Modernisierungsmaßnahme ist auch wirtschaftlich.

Nun hat die Berliner Koalition einen Entwurf für ein sogenanntes Gebäudeenergiegesetz auf den Tisch gelegt. In diesem Gesetz sollen die bereits geltenden energetischen Anforderungen an Gebäude zusammengefasst werden. Wider besseren Wissens will die Bundesregierung weiterhin am Energiebedarfsausweis für Wohngebäude festhalten. Dabei ist nicht nur Haus & Grund, sondern den meisten Fachleuten seit langem bekannt, dass ein Energieausweis auf Basis des theoretischen Energiebedarfs eines Gebäudes irreführend und damit nutzlos für die Beurteilung der energetischen Gebäudequalität ist. Der errechnete Bedarf entspricht nur selten dem gemessenen Verbrauch. Es gibt keine vernünftigen Gründe, hieran weiter festzuhalten. Zur Erinnerung: Wer ein Gebäude oder ein Gebäudeteil verkaufen, vermieten oder verpachten will, muss dafür einen Energieausweis ausstellen lassen.

Energieausweise werden als gesetzlicher Standard in der Regel auf Basis eines errechneten Energiebedarfs gefertigt. Der Energieausweis soll Eigentümer und Mieter darüber informieren, wie viel Energie ein Gebäude benötigt. Nach den Ergebnissen eines von Haus & Grund durchgeführten Praxistests sind bei der Ermittlung des theoretischen Energiebedarfs Unterschiede von bis zu 50 Prozent möglich. Diese Differenzen sind auf komplexe Berechnungsalgorithmen, die unterschiedliche individuelle Einschätzung der energetischen Qualität eines Gebäudes bei der Bestandaufnahme durch den Energieberater, aber auch auf Fehler in der Berechnung der Gebäudenutzfläche zurückzuführen. Geplant ist nun die Einführung von neuen Effizienzklassen. Außerdem sollen Vor-Ort-Begehungen oder alternativ die Übersendung von Fotos Pflicht werden.

All diese Instrumente sind jedoch nach meinen Erfahrungen als Bausachverständiger nicht geeignet, die Qualität der Energieausweise, ihre Aussagekraft und ihre Anreizwirkung für Investitionen in energetische Modernisierungen zu verbessern. Wie auch unser Bundesverband plädiere ich dafür, für bestehende Wohngebäude den Verbrauchsausweis als Standardausweis zu etablieren und den freiwilligen, individuellen Sanierungsfahrplan zu fördern. Nur was tatsächlich verbraucht wird, kann durch energetische Modernisierungen eingespart werden. Mit dem jetzt vorgelegten Gesetzentwurf werden aus meiner Sicht die Chancen für ein vernünftiges Gebäudeenergiegesetz endgültig verpasst.

Ihr
Dipl. Ing. Andreas Schemmel
Vorsitzender Haus & Grund Landesverband Bremen e.V.